• The Wire, eine wenig überraschend und doch vollkommen zu Unrecht relativ unbekannte TV-Serie.

    Liest man über die Rezeption der Serie in der Öffentlichkeit erfährt man widersprüchliches:

    Kritiker bezeichnen sie regelmäßig als einer der besten Serie aller Zeiten, doch The Wire hat weder einen Golden Globe noch einen Emmy gewonnen.
    An mehreren Universitäten wurden Vorlesungen über The Wire gehalten, zu den Fans der Serie gehören Barack Obama und Mario Vargas Llosa, doch weder in den USA noch hier in Deutschland hat die Serie jemals gute Einschaltquoten erzielt.
    Bei imdb hat die Serie eine Durchschnittswertung von 9.6, aber dennoch hat es fast 10 Jahre gedauert bis ich von der Serie gehört habe und mir die erste Staffel (Erstausstrahlung 2002) gekauft habe.

    Worum geht es nun?
    The Wire spielt in Baltimore, eine Stadt im Niedergang, Arbeitslosigkeit, Drogen und Anfang der 90er über 200 Morde pro Jahr bei gerade mal 600.000 Einwohnern.
    Am Rande eines Mordprozesses deutet der Polizist Jimmy McNulty einem Richter gegenüber an, dass ein Schwarzer namens Avon Barksdale das Drogengeschäft in einigen Teilen der Stadt kontrolliert. Auf Grund politischer Intervention des besagten Richters wird eine Sonderermittlungseinheit der Polizei eingerichtet.
    Das mag zunächst nach Standardkrimi-Kost klingen ist aber weit davon entfernt.
    Denn The Wire zeichnet sich durch zwei Dinge aus.

    Erstens:
    Der Realismus. Der Erfinder der Serie, David Simon war Polizeireporter in Baltimore und hat ein Jahr eine Schicht bei der Mordkommission begleitet. (Niedergeschrieben in dem sehr empfehlenswerten Buch "Homicide") Der Mann weiß also wovon er schreibt.
    Die Serie folgt nicht dem Krimischema "Leiche am Anfang, Wendung in der Mitte, Verhaftung am Schluss". Hier entwickelt sich eine Ermittlung über 13 Folgen a 60 Minuten (!) (das sind insgesamt 3 Stunden mehr als z.B. eine Staffel Mad Men).
    Polizeiarbeit hat hier auch wenig mit den pistolenschwingenden Helden aus anderen Serien oder Filmen zu tun. Polizeiarbeit heißt hier: Von kleinen Straßendealern verdeckt Drogen kaufen um irgendwie genug Material zusammenzukratzen, dass ein Richter es erlaubt die Münztelefone in den Ghettos abzuhören (engl. wire tap). Wohlgemerkt darf ein Telefon nur abgehört werden, wenn ein Polizist in der Nähe ist, der bestätigt, dass auch wirklich ein Verdächtiger damit telefoniert.
    Anhand der Gespräche gilt es dann Nummern mit Namen zu verbinden, die Verteilungswege zu ermitteln und sich so langsam die Nahrungskette hochzuarbeiten, um dann hoffentlich irgendwann an Avon Barksdale heranzukommen.
    Das Team setzt sich aus einer bunten Mischung von Polizisten zusammen. Der angesprochene Jimmy McNulty, frisch geschiedener Detective bei der Mordkommission mit "leichten" Autoritätsproblemen und die Figur, die dem Begriff der Hauptfigur am nächsten kommt; Kima Greggs, eine Frau bei der Drogenabteilung, trotzdem von ihren beiden Kollegen Herc und Carver respektiert. Die beiden sind mehr die Typen fürs Grobe und stammen aus armen Verhältnissen. Sowie einige weitere Polizisten aus verschiedenen Abteilungen. Geleitet wird die Operation von Cedric Daniels, Karrieretyp, der die Balance zwischen der polizeiinternen Politik und vernünftiger Ermittlung halten muss.
    Neben der Ermittlung erfahren wir Mosaikartig etwas über das Privatleben der Figuren, ihren Bezieungsproblemen, wie ihre Partnerinnen und Ehefrauen mit dem Job umgehen, wie sich zwei Polizisten nach Feierabend einen hinter die Binde gießen. Das wirkt aber nie aufgesetzt und es entwickeln sich Charaktere die über die Rolle als Polizist hinausgehen.
    Ein weiteres Thema ist auch die Politik in der Polizei. Nicht jeder Vorgesetzte ist begeistert über die Entstehung der Sonderkommission und bis zu einer Verurteilung ist es ein weiter Weg über viele Paragraphen, Deals und politischen Abwägungen.


    Zweitens: The Wire zeigt das Drogengeschäft von beiden Seiten. Fast eben so viel Zeit, wie mit den Polizisten verbringen wir mit den Verbrechern im Umkreis des Drogengeschäftes.
    Da ist z.B. D'Angelo, Neffe von Avon, der in einem Block die Aufsich über mehrere Straßendealer hat, alles schwarze, junge Männer aus der Gegend.
    Das ist alles weit weg von Ghetto-Romantik oder Glorifizierung des Gangstertums.
    Die Ghettos (kurz "Jects" genannt) sind ein erbärmlicher Ort wo sich ein halbes Dutzend Kinder eine Wohnung teilen und der normale Lebensentwurf der männlichen Bevölkerung darin besteht Dealer zu werden und vielleicht ein, zwei Stufen in Barksdales Imperium aufzusteigen.
    Nichtsdestoweniger empfindet man Sympathie für die Verbrecher von Straßenecke. D‘Angelo ist ein nachdenklicher, durchaus intelligenter Typ mehr das Produkt seines familiären Umfelds, als ein antisozialer Verbrecher.
    Man folgt auch Avon Barksdale dabei, wie er und insbesondere seine rechte Hand Stringer Bell das Geschäft organisiert. Stringer, nebenbei mein Lieblingscharakter der ersten Staffel, belegt neben bei Highschool-Kurse über BWL und ist deutlich mehr Geschäftsmann als Avon, der mehr von Familienbindung und Straßenloyalität erfüllt ist.
    Einige der Figuren stehen auch außerhalb, z.B. Bubbles, schwer drogenabhängiger Dieb und Betrüger, der als Polizeiinformant wichtige Tipps für die Ermittlung liefert, oder der schillernste Charakter Omar Little, der davon lebt Drogenlager zu überfallen.
    Manchmal wird ja über Filme geschrieben, dass es in ihnen keine Helden, kein schwarz-weiß Denken gibt. Wie man das richtig macht, zeigt uns The Wire. Polizisten verhalten sich nicht immer legal, geschweige denn moralisch, genau so wenig wie Verbrecher nur Verbrecher sind. Am Ende der Staffel wird klar, dass Drogen viel tiefer in der Gesellschaft verwurzelt sind, als die Verfolgung von ein paar Dealern reicht. Das alle irgendwie Gefangene ihre Lebens- und Arbeitsumstände sind.
    Ich denke es wird deutlich, dass The Wire schon auf eine inhaltlich breite Basis fußt und von da aus entwickelt sich eine komplexe Story, mit vielen verwobenen Handlungssträngen, was auch den Misserfolg der Serie erklären dürfte, denn zurücklehnen und entspannt ansehen wird schwer. Trotz gelegentlicher humoristischer Auflockerungen.

    Aber nicht nur inhaltlich ist The Wire bemerkenswert. Zunächst die Inszenierung, die den realistischen Anspruch unterstreicht. Kaum Kameraspielereien, immer nah am Geschehen. Keine dynamikvortäuschenden Schnitte und insbesondere: Keine Musik, außer wenn sie Teil der Szene ist.

    Dann der Cast. Allesamt Charakterschauspieler, was ja meistens mit einer gewissen Unbekanntheit einhergeht. Ich kannte zumindest keinen der Schauspieler wie Dominic West, Lance Reddick, Idris Elba, Sonja Sohn, Michael K. Williams oder Larry Gilliard, Jr.. Leider. Denn der gesamte Cast, ohne Ausnahme, spielt fantastisch, glaubwürdig und ohne Aussetzer.
    Einige der kleineren Rollen wurden übrigens mit echten Cops und echten Kriminellen besetzt. So wurden während der Dreharbeiten tweilweise Gangster von denselben Polizisten verhaftet, von denen sie schon im echten Leben verhaftet wurden.

    Nicht unerwähnt lassen wollte ich auch die Sprache. Ich habe nur Ausschnitte auf Deutsch gesehen und die gesamte Serie im O-Ton mit Untertiteln angeschaut.
    Das Problem: Sowohl die Gangster, als auch die Polizisten sprechen ihren eigenen Slang.

    Beispieldialog:
    Moreland: I'm just a humble motherf***er with a big-ass d***.
    Freamon: You give yourself too much credit.
    Moreland: Okay then. I ain't that humble.

    Das waren zwei Polizisten und der Anteil an Wörtern mit * liegt bestimmt nicht weit über dem Durchschnitt.
    Ich habe selbst Englisch-LK gehabt und trotzdem nach jeder Folge ein paar Minuten Internetrecherche für einige der Vokabeln gebraucht. Oder weiß jemand spontan was "low-rises", "G-Pack", "snitch" oder "Jects" bedeutet? Alles noch eher Standardvokabular der Serie.
    Das sowas schwer bis unmöglich zu übersetzen ist leuchtet bestimmt ein. In der deutschen Fassung geht der daher unheimlich viel verloren und auch wenn die englische Fassung ein bisschen anstrengend ist, zumindest wurde mein Wortschatz erweitert. ;)

    Was ist nun das Fazit?
    Sollte man sich die erste Staffel angucken definitv ja!
    Wird sie jedem gefallen? Eher nicht. Dafür ist The Wire zu komplex, zu weit weg von dem was man ansonsten an Unterhaltungsserien kennt. Eine kleine Warnung: Mancher Film, der einem vorher vielleicht realistisch vorkam wird nach The Wire dann plötzlich doch irgendwie kitschig und unglaubwürdig sein.

    Ich jedenfalls halte The Wire für das Beste, was je für das Fernsehen geschrieben wurde und möglicherweise das Komplexeste, Durchdachteste, was man auf DVD kaufen kann.
    Deswegen: Nehmt euch die 15€ und 13 Stunden Zeit und schaut zumindest die 1. Staffel (und sorgt vielleicht dafür, dass die Staffeln 3-5 doch noch in Deutschland auf DVD erscheinen).

    10/10 angezapften Telefonen

    Some men see things as they are and say: Why?
    I dream things that never were and say: Why not?

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